KEILSTRASSE 4

 

Volker hatte die beiden Zimmer als Absolventenwohnung erhalten und bot mir 1982 an, ein oder zwei Monate dort zu hausen. Er wohnte bei Elke, die hatte auch `ne Absolventenwohnung. Aus zwei Monaten wurden 10 Jahre.

Ich wohnte über der Synagoge, die befand sich in den ersten beiden Stockwerken, darüber wohnten 2 Familien und darüber ich. Um die Mittagszeit stieg ich die nicht gebohnerten Holzstufen herunter zu meinem Briefkasten und manchmal hörte ich sie singen. Einmal siegte die Neugier, ich stahl mich geräuschlos in die Synagoge, setzte mich in die rechte Reihe und plötzlich drehten sie sich um. Erst ein paar Männer, dann alle. Stille. Ein knorriger Alter flüsterte einem Vierzehnjährigen etwas zu und der stapfte zu mir mit einem Käppi in der Hand und reichte es mir wortlos.

Die Messe dauerte ewig. Immer wieder Gesänge und dann versuchte einer der älteren Herren in ein Horn zu stoßen, aber es kam nichts raus außer heiße Luft. Die Posaune von Jericho, dachte ich. Dann formierte sich ein Zug und setzte sich durch den Kirchenraum in Bewegung. Dann wieder Gesänge und Reden, die ich nicht verstand. Ich bin in ein Initiationsritual geraten und saß nun schon weit über eine Stunde fest. Zudem hatte ich bemerkt, daß vor mir nur Frauen saßen und es dämmerte mir, daß das wohl so sein sollte. Ich harrte noch aus, auf das Ende hoffend, schlich mich dann aber davon, so geräuschlos, wie ich gekommen war.

Ich lernte sie noch kennen, die beiden alten Herren, Herrn Gollub (der verstarb Mitte der 80er) und Herrn Aron Adlerstein. Sie grüßten freundlich, obwohl ich selten und sehr unregelmäßig Miete zahlte. Dafür läutete ich regelmäßig, wenn sie ihre Fenster offenstehen ließen: "Mann o Mann, wenn Ihnen da jemand die Goldkelche rausklaut..."

Einmal, ich wollte grad los zu einem Auftritt, bemerkte ich, daß ich keine müde DDR-Mark flüssig hatte. Die Sparkasse hatte Mittagspause und danach war der Zug weg. Mir fiel Adlerstein ein, er hatte sein Büro um die Ecke. Er drückte mir`n Fuffi in die Hand: Daß de dir nochn Bier leisten kannst.

Zwei Tage später läutete ich unangekündigt und brachte ich es zurück. Sie saßen alle beieinander, der hagere Adlerstein mit seinen staubtrockenem Humor und ein paar ganz junge Jidds und eine Dame schenkte mir Kaffee ein. Um mich herum Stapel von Büchern - vor allem sind mir die schönen Insel-Ausgaben aufgefallen. Ja, sie sammelten die Neuausgaben jüdischer Autoren und als ich zwischen ihnen saß, spürte ich, wie viele das waren.

"Ist Ihnen das schon mal aufgefallen?"

"Was?"

"Da stehen Frauen auf der Straße..."

"Ja, die stehn einfach so rum..."

"Haben Sie auch schon gesehen?"

"Die sehe ich jeden Tag."

"Was die da so machen, die Frauen."

"Sieht eigentlich aus, als ob die da gar nichts machen."

"Ja, vielleicht machen die gar nicht..."

Wir wohnten saßen sozusagen auf dem Strich von Leipzig. Er deutete es vornehm an, ohne die Sache zu präzisieren.

 

Nach der Wende zog ich aus, ließ mir bei Adlerstein aber noch einen Termin geben. Ich saß rechts von ihm und er hatte nicht viel Zeit, ließ mich zwei Sätze reden und schaute dann einem links sitzenden Jüngling ins Kontorbuch, der erklärte ihm irgendwelche Rechnungen, während ich mir das Mobiliar, das inzwischen ausgetauscht war, anschaute. Anstatt der dunklen Holzmöbel, der hohen schweren Schränke, welche diesen Duft verströmten, den ich noch in der Nase hatte von meinem ersten Besuch, standen weiße Plastemöbel. Als ich ihn darauf ansprach, entgegnete er schlagfertigst: "So siehts bei Juden halt aus!" und drehte seinen Kopf in die andere Richtung.

Ich hatte inzwischen erfahren, daß das Haus in der Keilstraße 4 nicht nur jüdischer Besitz war, sondern als exterretoriales Gebiet galt. Deswegen drehten die Spitzel ab, deswegen hatte ich hier meine Ruhe. Meine Liedprogramme ab "Das utopische Festival" entstanden hier.

Ich bedankte mich bei ihm "für 10 Jahre jüdisches Exil".

"Kannst wieder einziehen, aber diesmal wirds nicht mehr so billig!"

Damit war die Audienz beendet.

Nicht ganz. Natürlich wünschte er mir alles Gute. Natürlich gabs noch einen halben Satz Smalltalk. Was gesagt werden mußte, war gesagt.

 

 

 

 

 

 

enturm, denn wir kannten den Zugang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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