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DER WASSERTURM Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung versucht der Immobilienhai Dr. Gschnitter dem im Wasserturm wohnenden Poeten seinen "Turm" abzuschwatzen. Der Wasserturm - für den Dichter eher ein Elfenbeinturm, den er in den letzten Jahren aus permanentem Geldmangel - kaum verlassen hatte - wird zum Symbol des Widerstandes gegen die längst herrschende neue Lebensart. Moralisch kümmert sich sein Verleger um ihn, aber mehr aus schlechtem Gewissen, weil er ihn keine Honorare zahlen kann. Eine Journalistin wird auf ihn aufmerksam und bestärkt ihn in seinem Beharrungsvermögen. Dr. Gschnitter wandert in den Knast, zieht aber von dort aus seine Fäden weiter. Plötzlich taucht ein dubioser Ingenieur auf und erklärt den Wasserturm für baufällig. Nur seinem alten Freund Hans, der weder seinen Lebensstil noch die Verwicklungen, in denen sich der Poet befindet, nachvollziehen kann, gibt sich ernsthaft Mühe, ihm zu helfen - und gerade ihm mißtraut er am meisten... Berechtigt oder unberechtigt. Das sollte man selber sehen. |
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TEXTAUSZUG Dichter: Hat sich jemand schon einmal Gedanken gemacht, darüber, wer sich alles von einem Dichter ernährt? Niemand, garantiert niemand! Nicht einmal ich. Obwohl ich das aus dem Eff-Eff herbeten könnte... Ein Geräusch. Ein Klappern, blechern, von außen kommend. Der Dichter lauscht. Winkt ab, öffnet das Fenster, schaut heraus, zieht an einem Strick, das scheppernde Geräusch wiederholt sich, einen Briefkasten herauf. Dabei spricht er, aus dem Fenster schauend vor sich hin. Einladungen zu Theaterpremieren, Buchpremieren, Filmpremieren, CD-Release-Parties. Eine Geldanweisung? Den Rest legt er vorerst beiseite, nimmt sich interessiert den Verrechnungscheck vor. Wer sollte mir Geld schickten? Warum nicht? Alle leben sie von mir. Nicht alle. Aber viele. Zu allererst der Verleger. Der niemals Geld hat. Dabei verlegt er was ich schreibe. Er verlegt es gut. So gut, daß er es meist nicht wiederfindet. Schaut auf den Scheck, liest: Zeitschrift „UnSinn und UniForm". Kenne ich nicht. 'Für die Publikation Ihres Gedichtes „Der Schandesel"... überweisen wir Ihnen ein Honorar...' - Welche Zeitschrift überweist heute noch Honorare? - 'von drei Mark dreiunddreißig.' Drei Mark drei-und-drei-ßig? Haha! Dreimarkdreiung-dreißig. Drei Bier also, aber nur Mittelklassebier. War sicher nur ein Mittelklassegedicht, sonst hätte es für drei Extraklassebiere gereicht. Also sechs Mark sechsundsechzig. Oder am besten gar nichts gegeben, damit man als Autor nicht erinnert wird, wo und wie man publiziert wird. Dabei habe ich an diesem Gedicht dreiunddreißig Stunden gesessen, Tinte verbraucht, Papier verschrieben, Bier getrunken - sicher mehr als drei. Den Stundenlohn sollte man lieber nicht berechnen. Er zerknüllt den Scheck, legt ihn zum restlichen Papierhaufen vor dem Ofen. Liest weiter: |
Die Trägerin des „Henriette-Neuberin-Preises" liest im Hause der Fibel. Luise Vakuum? Die? Wo alle wissen, daß sie unter dem Namen „Neuberin" gespitzelt hat, zwölf Jahre lang? Die soll den Neuberin-Preis abfassen? Hätte ich für die Stasi-Zentrale Chemnitz als IM Heinrich Heine gespitzelt, stände mir jetzt der Heine-Preis zu, hätte ich mich für die Firma in Erfurt als IM Goethe umgehorcht, stände mir jetzt der Goethe-Preis zu, wäre ich für die Hauptgeschäftsstelle in der Magdalenenstraße tätig gewesen, als IM Büchner, hätte ich jetzt den Büchnerpreis abgefaßt. Den Lessing-Preis hätte mir jetzt sicher Albrecht überreicht - aber der sitzt ja ein. Damit ließe sich leben... Aber alle leben - von mir, nur was habe ich davon, daß der Kritiker gut bezahlt wird, daß der Schauspieler, der Dramaturg, der Intendant, der Bühnenbildner meine Ideen umsetzt, daß der Kultusminister und die Abgeordneten in den Kulturausschüssen ihre Diäten erhöhen, während meine Honorare sinken, daß die Buchhändler fusionieren, daß die Professoren über mich referieren, ihre Schüler Dissertationen schreiben, ja schreiben... brennt den in den Ofen gestopften Papierhaufen an - die Honorare lassen sich sehen! Was muß ich schreiben, damit ich wenigstens ein warmes Zimmer bekommen. Pro Tag zwanzig Seiten - da frier' mich mir die Zehen ab. Die Deutschlehrer, tausende, lehren an Schulen wie Dichter lebten, nur scheinen sie keinen davon zu kennen. Die Drucker haben ihre Tarifabschlüsse, die IG Medien holt dieses Jahr 6 Prozent Lohnerhöhung raus. Nicht für mich, für die Drucker, die meine Bücher drucken. Und für die Buchgestalter. Die Papierhersteller, Hersteller von Tinte und Radiergummis. Die Setzer auch. Die ÖTV erhöht die Einkünfte der Bibliothekare, die meine Bücher ausleihen, um sogar 8 Prozent. Für wen? Für mich nicht. Für die Kulturamtsmitarbeiter jedoch, die wegen der Etatkürzungen nur noch die Hälfte zu verwalten haben (es rumort mächtig, das Ofenrohr glüht, der Ofen scheint zu explodieren) - aber mehr verdienen müssen... Es läutet. Er sieht aus dem Fenster. Was machen Sie da? Geh'n Sie weg von meinem Turm! Wirft nach ihm mit einem Blumentopf. Mein Haus wird nicht fotografiert - es sei denn, ich bekomme Tantiemen. Es läutet wieder. Meinen Sie, ich mach auf, wenn Sie mich ärgern? Eine ferne Stimme durchs Fenster: Dr. Gschnitter: Ich will Sie nicht ärgern. Ich biete Ihnen ein gutes Geschäft an. Dichter: Danke, ich habe alle Versicherungen, die ich brauche. Nämlich keine. Dr. Gschnitter: Ich bin kein Vertreter. Ich bin Käufer. Ich kaufe, was Sie haben und nicht mehr brauchen. Dichter: Ich brauche nichts, daher habe ich nichts. Dr. Gschnitter: Doch. Diesen Turm. Dichter, erschrickt: Sie Irregeleiteter... Dr. Gschnitter: Man könnte ja reden, wie ich Ihnen bei der Renovierung behilflich sein kann. Dichter: Finanziell? |