THEATERSTÜCK "DAS EXPERIMENT oder ZWEJ UNGLEJCHE BRIEDER"

REZENSION

Zu Beginn erzeugen rötliches Licht, Nebel und eindringliche Musik eine düstere Stimmung, die die Szene mit den Soldaten (Fakhreddin Ayadi/Martin Frolowitz) effektiv unterstreicht. Die beiden entdecken den noch lebenden H. - das Schnurrbärtchen und der strenge Scheitel lassen sofort ahnen, wer gemeint ist. Glattrasiert findet sich der ,,große Diktator" in einem Käfig wieder, gedemütigt von einem Arzt, der ihn zum guten Menschen umtherapieren will. Episodisch und gleichzeitig minutiös werden nun einzelne Schritte der Therapie vorgeführt, meist leise und mit ruhigem Rhythmus sensibel eine Spannung erzeugt, die erschauern läßt. Komik und Tragik liegen dicht beieinander, wenn der Arzt jüdische Witze erzählt oder der onanierende H. von einer 0ff-Stimme aufgeklärt wird: ,,Das ist normal." Traum und Realität fließen ineinander: Tanzend erscheint plötzlich eine Maid in zünftig deutscher Tracht (Claudia Hoffmann). Symbolik wird unaufdringlich eingesetzt, wenn H. im Zeitlupentempo dieses Traumbild erstickt. Einer der stärksten Momente dieser Inszenierung. Marius Tust sticht in der Rolle des Protagonisten aus den ausnahmslos überzeugenden Leistungen noch hervor. Mit erstaunlicher Gestik und Mimik bewegt er sich zwischen Mensch und Monster, hinterläßt Mitleid, Furcht und Ekel zugleich. Grotesk, wie H. in der Situation des Eingesperrten noch an seinen Herrenmenschen-Idealen festhält und sein fanatisches Wesen in parolenhaften Beschimpfungen zum Ausdruck bringt.

Nach dem unvermittelten Ende setzt der Applaus spät ein, hält aber lange an. Ein gelungenes Stück Theater, das einnimmt, berauscht und erschüttert. Uli Sebastian, LVZ

URAUFFÜHRUNG war im September 1998 im Theater "fact" Leipzig. In den Rollen: H.: Marius Tust, Ärzte: Martin Frolowitz und Claudia Hoffmann, Partisanen Ryszard und Edmund: Fakhreddin Ayadi und Martin Frolowitz. Regie: Ev Schreiber.

 

TEXTAUSZUG

Ryszard: Bist noch zu jung. Glaubst ans Leben, nicht an den Tod. Lernsts noch. Frieher oder später wirsts lernen.

Edmund: Besser später.

 

 

Ryszard: Besser frieher.

Edmund: Da lieber gar nicht.

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